Es ist ein ironisches Spektakel, das wir gerade in den USA beobachten. Da tritt Nick Fuentes auf, ein rechtsextremer Influencer und lautstarker Verfechter eines „katholischen Nationalismus“ bzw. "katholische Taliban-Herrschaft in Amerika", und fordert damit lautstark nichts Geringeres als die Errichtung einer Theokratie.
Er will das gesellschaftliche Leben dem Diktat seiner Interpretation des Katholizismus unterwerfen – eine Vision, in der die Religionsfreiheit, wie wir sie kennen, keinen Platz mehr hätte.
Nun hat sich die offizielle katholische Kirche (vertreten durch Stimmen wie den US-Bischof Barron) davon distanziert. Sie stellt klar: Das, was Fuentes fordert, widerspricht der modernen Lehre. Man beruft sich auf das Zweite Vatikanische Konzil und die Erklärung Dignitatis humanae, in der die Kirche die Religionsfreiheit feierlich als Grundrecht anerkannt hat (warum es dann so lange Sektenbeauftragte gab, die man bezahlte, vergessen wir kurz).
Als jemand, für den die Religionsfreiheit das Fundament einer friedlichen Gesellschaft ist, müsste ich eigentlich erleichtert aufatmen, wenn sich die katholische Kirche so klar äußert. Doch mein Misstrauen bleibt. Nicht nur aus den Gründen, die ich oben "vergessen" habe.
Zweites Vatikanisches Konzil - Abkehr vom Absolutheitsanspruch
Warum? Weil die Kirche hier ein gefährliches Doppelspiel treibt. Wenn sie Fuentes widerspricht, tut sie das auf der Basis einer Lehre, die innerhalb ihrer eigenen Mauern noch immer auf tönernen Füßen steht. Die katholische Kirche hat die Religionsfreiheit nicht erfunden – sie wurde ihr im 19. und 20. Jahrhundert von der Moderne mühsam abgerungen. Jahrhundertelang war es genau die Position der Kirche, die Fuentes heute vertritt: Dass „Irrtum kein Recht hat“ und der Staat die „wahre Religion“ schützen und privilegieren müsse. Vergessen wir nicht: Kaiser Konstantin hatte die Verfolgung der Christen beendet und 380 n. Chr. wurde unter Kaiser Theodosius I. das Christentum zur offiziellen Staatsreligion des Römischen Reiches erhoben.
Erst das Zweite Vatikanische Konzil 1963 (und damit 1.500 Jahre später oder zu spät) konnte dann andere Religionen auch anerkennen (Wikipedia):
Eine Entwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil betrifft das Verhältnis der katholischen Kirche zu anderen Religionen. Die Kirche „lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“. (Nostra aetate 2) Dabei lobt der Konzilstext den Monotheismus des Islams (vgl. NA 3) und bekennt erneut das Hervorgehen der Kirche aus dem Judentum (vgl. NA 4). Mit der innerchristlichen Ökumene beschäftigt sich das Dekret Unitatis redintegratio.
Das „Dekret über die Religionsfreiheit“ (Dignitatis humanae) erklärt, dass jeder Mensch „das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten einzelner und gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlicher Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln.“ (DH 2) Gleichzeitig betont das Dekret: „Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten“ (DH 1).
Verhältnis der Kirche zum Staat. Das Konzil gibt den (spätestens seit der Reformation nicht mehr durchsetzbaren) Anspruch der katholischen Kirche auf, dass die Öffentlichkeit und alle staatlichen Gliederungen nach katholischen Grundsätzen handeln müssen. Dies hat zur Folge, dass der Absolutheitsanspruch der katholischen Religion nur mehr rein geistlich definiert ist, also nicht mit totalitären Ideologien verwechselt werden kann.
Gleichzeitig treten heute noch in Interviews Weltanschauungsbeauftragte als "Sektenbeauftragte" an und widersprechen damit dem Ergebnis des Vatikanischen Konzils.
Auch 2006 hatte der "deutsche" Papst Benedict in Istanbul auf den gemeinsamen Urspruch abgestellt, den die Menschheit von Gott habe:
„Gemäß der biblischen Tradition lehrt das Konzil, dass die Menschheit einen gemeinsamen Ursprung und eine gemeinsame Bestimmung hat: Gott, unsern Schöpfer, der auch das Ziel unserer irdischen Wanderschaft ist. Christen und Muslime gehören zu der Familie, die an den einen Gott glaubt und sich gemäß der Tradition ihre Abstammung auf Abraham zurückführt. Diese anthropologische wie spirituelle Übereinstimmung in unseren Wurzeln und Zielen mahnt uns, einen gemeinsamen Weg zu suchen und unseren Beitrag zu leisten bei der Suche nach Grundwerten, die charakteristisch sind für die Menschen unserer Zeit.“
Damit wird dann aber doch wieder der absolute Anspruch, auch wenn er mit einigen Religionen geteilt wird, erhoben.
Fuentes Forderungen
Wenn Fuentes heute fordert, dass staatliche Gesetze direkt aus der religiösen Lehre abgeleitet werden müssen, dann greift er auf ein Arsenal zurück, das die Kirche nie ganz weggeräumt hat. Ja, das offizielle Rom mag heute von Freiheit sprechen, aber gleichzeitig hält sie an einem Absolutheitsanspruch fest, der sich nur schwer mit einer wirklich pluralistischen Gesellschaft verträgt.
Das Problem ist nicht nur Fuentes. Das Problem ist eine Kirche, die sich zwar nach außen hin als Verteidigerin der Gewissensfreiheit gibt, intern aber oft genug Strukturen pflegt, die genau das Gegenteil verkörpern. Solange die Kirche ihre eigene Geschichte der Unterdrückung von Abweichlern nicht radikaler aufarbeitet, bleibt ihr Widerspruch gegen Figuren wie Fuentes wohlfeil.
Einordnung von Fuentes
Fuentes ist das hässliche Spiegelbild einer Vergangenheit, die die Kirche nie ganz losgeworden ist. Es reicht nicht, zu sagen: „Er gehört nicht zu uns.“ Man muss sich fragen, warum seine radikalen Forderungen bei so vielen gläubigen Katholiken auf fruchtbaren Boden fallen. Solange die Kirche die Religionsfreiheit nur als strategisches Mittel benutzt, wenn sie selbst in der Minderheit ist, aber im Kern an einer hierarchischen Überordnung der eigenen Wahrheit festhält, bleibt sie eine unsichere Kantonistin im Kampf für die Freiheit aller. Zudem: Greift man Fuentes an, greift man an, dass nichtklerikale Laien das Gesetz der Bibel auslegen. Das gefährdet dann zwar nicht den Absolutheitsanspruch, sehr wohl aber den Machtanspruch, den ein Klerus nach wie vor hat.
Religionsfreiheit bedeutet die Freiheit des Einzelnen vor der Religion – auch vor der eigenen. Dass die Kirche dies heute gegen Fuentes verteidigt, ist gut. Dass sie es erst seit wenigen Jahrzehnten tut und ihre eigene Machtansprüche nie ganz aufgegeben hat, sollte uns jedoch wachsam bleiben lassen.
Dass zudem die Ursachen solcher Aussagen, die im Fanatismus gleich welcher religiösen Colour liegen, nicht angegangen werden, sondern nur das Ergebnis, ist bedauerlich. Glauben und die eigene Überzeugung sollte man leben, nicht nur Aussprechen. Das gilt für den Vatikan, den Klerus oder lautstarke Laien wie Trump und Fuentes.