Warum pauschales „Sekten-Framing“ in Medienberichten problematisch ist – am Beispiel „Universelles Leben / Lebe Gesund“
Kommentar von Michael Langhans
Forum für Religionsfreiheit – Deutschland (FOREF - Deutschland)
In den Wochen vor Weihnachten rückte erneut eine Gruppe in den medialen Fokus, die seit Jahrzehnten Gegenstand umstrittener Berichterstattung ist: Universelles Leben und seine wirtschaftlich aktiven Verkaufsstände der Marke „Lebe Gesund“. Zu lesen war in der Morgenpost Hamburg, dass auf Weihnachtsmärkten „Sektenexperten“ vor diesen Ständen warnen würden, weil hinter den Bio-Produkten eine „ökoreligiöse Sekte“ stehe. Zugleich stellt derselbe Bericht fest, dass es weder direkte Anwerbeversuche noch religiöse Beeinflussung beim Verkauf gab – und doch bleibt beim Publikum am Ende der Eindruck eines gefährlichen Geschäftsmodells. (MOPO)
Diese Diskrepanz ist kein Randphänomen, sondern symptomatisch für ein journalistisches Muster, bei dem Framing – also das Setzen vorgefertigter Deutungsraster – die Faktengrundlage überlagert. Schlagworte wie „Sektenexperten“, *„gefährliche Öko-Truppe“ oder „im Fänge geraten“ sind dabei weniger analytische Kategorien als mediale Signale, die suggestiv Assoziationen erzeugen, bevor überprüfbare Tatsachen vorliegen. (MOPO)
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist der Begriff „Sekte“ hochgradig problematisch. Er ist historisch negativ besetzt, unscharf definiert und eignet sich kaum zur differenzierten Analyse von Weltanschauungs- oder Religionsgemeinschaften. Diese Kritik ist nicht neu: Bereits die deutsche Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ stellte fest, dass der Terminus im öffentlichen Diskurs pauschal und falsch verallgemeinernd gebraucht wird und daher durch neutralere, analytisch belastbare Bezeichnungen ersetzt werden sollte. Wer den Begriff dennoch nutzt, muss erklären, was er darunter versteht und worauf seine Einordnung beruht – etwas, was in vielen der aktuellen Medienberichte nicht geschieht.
Was lässt sich nun konkret über Universelles Leben festhalten? Nach gängigen Quellen handelt es sich um eine neue religiöse Bewegung, die Ende der 1970er-Jahre in Deutschland entstanden ist, eigene Offenbarungslehren vertritt und über den Vertrieb von Bioprodukten sowie andere Geschäftsfelder wirtschaftlich aktiv ist. Solche wirtschaftlichen Aktivitäten sind per se weder ungewöhnlich noch verdächtig; sie gehören zum wirtschaftlichen Selbstverständnis vieler Organisationen in einer pluralen Gesellschaft. Sie allein rechtfertigen weder den Einsatz emotional aufgeladener Sprachbilder noch die Unterstellung versteckter Strategien.
Wesentlich problematischer als der bloße Hinweis auf weltanschauliche Differenzen ist die Art, wie einige Medienberichte Leserinnen und Lesern suggerieren, bereits der Kauf eines veganen Pestos oder eines Brotes sei ein Schritt in einen ideologischen Sog. Im erwähnten Morgenpost-Beitrag wird zwar eingeräumt, dass beim Verkaufsstand keine Anwerbung stattfand – doch der Rahmen der Berichterstattung bleibt alarmistisch und lässt unbelegt, dass dieser Einkauf mehr wäre als ein ganz normaler Marktbesuch. (MOPO)
Ein solches Framing kann erhebliche Konsequenzen haben. Wenn in der Berichterstattung – bewusst oder unbewusst – wertende Schlagworte wichtiger werden als Fakten, dann wird nicht informiert, sondern polarisierend aufgeladen. Gerade bei sensiblen Themen wie Religion, Weltanschauung und gesellschaftlicher Teilhabe ist es die Aufgabe von Medien, Differenzierung vor Vereinfachung, Transparenz vor Suggestion zu stellen.
Eine verantwortliche Berichterstattung fragt: Was ist belegt? Was ist spekulativ? Wo enden legitime Bedenken und wo beginnt die Vorverurteilung? Schlagworte wie „Sekte“ oder „Manipulation“ dürfen nicht als journalistische Abkürzung für fehlende Recherche dienen. Vielmehr muss gezeigt werden, welche konkreten Vorwürfe erhoben werden und auf welcher Grundlage sie stehen – oder eben nicht.
Der mediale Reflex, Gruppen pauschal zu stigmatisieren, wenn sie außerhalb der konfessionellen Mehrheitslandschaft agieren, untergräbt nicht nur die Qualitätsstandards journalistischer Arbeit, sondern trägt zur Verzerrung gesellschaftlicher Wahrnehmung bei. Medien tragen eine Verantwortung, die über Aufmerksamkeitsökonomie hinausgeht: Sie sollen informieren, nicht instrumentalisieren.
Vor diesem Hintergrund ist der pauschale Tenor „Kauft nicht bei Sekten“ nicht nur analytisch unhaltbar, sondern journalistisch unverantwortlich, solange nicht sauber zwischen belegten Tatsachen und suggestiven Deutungen unterschieden wird. Wo Begriffe ohne klare Definition und ohne belastbare Belege eingesetzt werden, wird Kritik zur bloßen Vorverurteilung – und das ist weder der Aufgabe von Journalismus noch einer aufgeklärten Öffentlichkeit würdig.
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