Zwischen Religionsfreiheit und medialer Problematisierung: Die ARD-Reportage stellt neue christliche Bewegungen als gesellschaftliches Risiko dar – FOREF warnt vor pauschalisierenden Narrativen.
Eine FOREF-Analyse zur ARD-Reportage „Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?“
Von Michael Langhans / Peter Zoehrer
Die am 16. Dezember 2025 ausgestrahlte ARD-Reportage Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit? reiht sich auf den ersten Blick in eine lange Tradition kritischer Auseinandersetzungen mit religiösen Erneuerungsbewegungen ein. Sie ist Teil der Dokumentationsreihe ARD Story und nimmt evangelikale sowie charismatische christliche Gruppen in den Blick, die mit moderner Ästhetik, Popmusik und Social Media gezielt junge Menschen ansprechen.
Was als journalistische Recherche angekündigt wird, entwickelt sich jedoch zu einer Darstellung, die weniger durch analytische Tiefe als durch implizite Wertungen und vertraute Deutungsmuster geprägt ist. Aus Sicht von FOREF – Forum für Religionsfreiheit Europa wirft der Beitrag grundlegende Fragen nach medialer Verantwortung, nach Pluralismus – und letztlich nach dem Zustand der Religionsfreiheit in Europa auf.
Das wiederkehrende „Sekten-Narrativ“
Auffällig ist die Art und Weise, wie Kritik transportiert wird. Selten werden Vorwürfe offen formuliert; stattdessen werden sie in Aussagen von „Insidern“, „Aussteigern“ oder externen Kommentatoren ausgelagert. Dieses Vorgehen ist bekannt: Es erlaubt Distanzierung, während zugleich ein klarer Deutungsrahmen gesetzt wird. Spirituelle Intensität, freiwillige Disziplin oder gemeinschaftliches Leben erscheinen so unterschwellig als Vorstufen von Unfreiheit oder gar Gefährdung.
Besonders problematisch ist die implizite Nähe, die zwischen geistlichen Berufungswegen – etwa klosterähnlichen Lebensformen – und „sektiererischen“ Strukturen hergestellt wird. Diese Gleichsetzung ist nicht nur sachlich fragwürdig, sie wirkt stigmatisierend und diskreditierend gegenüber einer langen religiösen Tradition freiwilliger Askese und Hingabe.
Wer wird hier eigentlich kritisiert?
Im Zentrum der Reportage stehen unter anderem die Fellowship of Catholic University Students (FOCUS), die Loretto-Gemeinschaft sowie das Gebetshaus Augsburg. Ihnen wird vorgehalten, mit modernen Kommunikationsmitteln traditionelle, teils konservative Botschaften zu verbreiten: klassische Rollenbilder, eine kritische Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen, eine starke Betonung von Autorität und Gehorsam.
Doch viele der beanstandeten Merkmale sind keineswegs exklusiv religiös. Das Bedürfnis nach klaren Botschaften, nach Sinn, Orientierung und Hoffnung findet sich ebenso im politischen Aktivismus, im Leistungssport, in Jugendbewegungen oder in medialen Kampagnen staatlich finanzierter Akteure. Auch dort wird mit Emotionalisierung, Identifikation und moralischer Gewissheit gearbeitet – nur unter anderen Vorzeichen.
Doppelte Maßstäbe im medialen Diskurs
Gerade hier zeigt sich eine bemerkenswerte Doppelmoral. Während christlichen Gemeinschaften ihre intensive Nutzung von Social Media vorgeworfen wird, setzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst massiv auf digitale Formate, Zielgruppenansprache und narrative Verdichtung. Die Mittel, die man kritisiert, nutzt man selbst – nur mit dem Anspruch moralischer Überlegenheit.
Besonders deutlich wird dies dort, wo ethische Fragen wie Abtreibung, Geschlechterrollen oder Sexualität behandelt werden. Aussagen, die sinngemäß mit „Ich weiß, was richtig ist“ operieren, ersetzen offenen Diskurs durch normative Setzungen. Wer so argumentiert, beansprucht Allgemeingültigkeit – und zeigt paradoxerweise genau jene Haltung, die man religiösen Gruppen vorwirft: die mangelnde Bereitschaft, andere Überzeugungen als legitim anzuerkennen.
Religionsfreiheit als Prüfstein des Pluralismus
FOREF beobachtet seit über zwei Jahrzehnten, dass staatliche Stellen und staatlich finanzierte Medien zunehmend dazu neigen, religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften zu problematisieren. Zunächst traf es kleinere Minderheiten, inzwischen geraten auch christliche Gruppierungen aus dem weiteren kirchlichen Mainstream unter Generalverdacht.
Dass eine solche Reportage ausgerechnet kurz vor Weihnachten ausgestrahlt wird, mag kein Kalkül sein – sensibel ist es dennoch nicht. In ihrer Wirkung stellt sie einen milden, aber klar erkennbaren Angriff auf die Religionsfreiheit dar. Nicht, weil Kritik per se unzulässig wäre, sondern weil sie selektiv, einseitig und mit impliziten Abwertungen arbeitet.
Religionsfreiheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Verboten. Sie umfasst das Recht, freiwillig zu glauben, anders zu glauben, intensiv zu glauben – oder religiöse Praxis befremdlich zu finden, ohne sie zu delegitimieren. Eine demokratische Gesellschaft beweist ihre Reife dort, wo sie auch Überzeugungen aushält, die nicht dem eigenen Wertekanon entsprechen.
Ein Plädoyer für Gelassenheit und Fairness
Hoffnung auf Heilung, Sinn und Halt trägt viele Menschen durch unsichere Zeiten. Diese Hoffnung pauschal zu verdächtigen oder medial zu problematisieren, verkennt ihre existentielle Bedeutung. Seriöser Journalismus sollte hier differenzieren, statt bekannte Stereotype zu reproduzieren.
FOREF plädiert daher für mehr „Leben und leben lassen“ im öffentlichen Diskurs. Meinungs- und Religionsfreiheit sind unteilbar. Wer sie glaubwürdig verteidigen will, muss sie auch dort achten, wo Überzeugungen fremd, unbequem oder fundamental erscheinen. Nur so bleibt der gesellschaftliche Pluralismus mehr als ein wohlklingendes Schlagwort.
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