Der watson-Blogartikel „Sekten wie Scientology sind nicht weg – sie sind nur leiser geworden“ von Wiederholungstäter Hugo Stamm ist ein Paradebeispiel für die paternalistische Arroganz, die sich heute hinter dem Deckmantel der „Sektenaufklärung“ verbirgt. Der Autor suhlt sich in einer gefährlichen Nostalgie für die Zeiten der großen öffentlichen Skandale und ist sichtlich pikiert darüber, dass seine Feindbilder heute die Unverschämtheit besitzen, sich im Stillen zu organisieren, anstatt ihm bereitwillig Schlagzeilen zu liefern. Das mag zwar nicht so arg stimmen, wenn man die Medienoffensive von Scientology z.B. auf TikTok beobachtet (was die Stuttgarter Nachrichten fair und beschreibend mitgeteilt haben), was zu komischen bis despektierlichen Trends führt. Das stört Stamm aber nicht, weil er sein geliebtes Stichwort "Sekte" verwenden darf, um seine Leserschaft zufriedenzustellen.
Sein Selbstverständnis als Journalist: "Sektenopfern und deren Angehörigen helfen sei sein Antrieb", wird er einem TV Beitrag zitiert. Dass er damit unfreiwillig selbst das Sektennarrativ erfüllen würde, wenn man es ihm nachsagen wollen würde ("Den Verlautbarungen der Führung wird hohe Aufmerksamkeit zuteil.", siehe Anzahl der Kommentare unter seine Artikel), stellen wir neutral in den Raum.
Die Totalitarismus-Falle des Autors
Besonders widerwärtig und brandgefährlich wird es dort, wo der Autor seine Maske fallen lässt und offen nach Verboten und staatlicher Repression schreit. Wer fordert, religiöse oder weltanschauliche Gruppen kurzerhand zu verbieten, nur weil sie nicht in das wohlige Weltbild der Mehrheitsgesellschaft passen, der hat das Fundament des liberalen Rechtsstaats nicht verstanden – oder verachtet es zutiefst.
"Die Hoffnung, man könne sie verbieten oder zurückbinden, hat sich zerschlagen." - was auch gut so ist, solange es Grund- und Menschenrechte auf dieser Welt gibt!
Hier wird ein gefährlicher Verbots-Fetischismus zelebriert. Die Forderung nach einem Verbot von Organisationen wie Scientology ist nichts anderes als eine Kapitulationserklärung des Geistes. Weil man der intellektuellen Auseinandersetzung auf Basis von Menschenrechten müde ist und die Existenz des „Anderen“, des Unbequemen, nicht erträgt, soll gefälligst die Staatsmacht mit dem Knüppel kommen. Das ist das klassische Mindset eines autoritären Kleingeistes: Was ich nicht verstehe oder was ich für „gefährlich“ erkläre, muss weg. Wobei, so ganz ernst meint er es kaum, denn worüber sollte er sonst schreiben und die notwendige Aufmerksamkeit erhalten?
Die Infantilisierung der Bürger
Die Argumentation des Autors basiert auf einer tiefen Verachtung für die Eigenverantwortung des Individuums. In seiner Welt ist der Mensch ein willenloses Schaf, das vor jedem „leisen“ Rattenfänger geschützt werden muss. Dass erwachsene Menschen das Recht haben, absurde Dinge zu glauben (da ist jemand von den Toten auferstanden!), ihr Geld für fragwürdige Kurse auszugeben (siehe zum Beispiel die KEFB hier in Essen, da ist für jeden was dabei!) oder sich Gemeinschaften anzuschließen, die dem Mainstream-Journalisten sauer aufstoßen, kommt in seinem Weltbild nicht vor.
Die Logik ist perfide: Weil Sekten heute „leiser“ und „subtiler“ agieren, seien sie gefährlicher denn je. Mit dieser Scheinlogik lässt sich jede beliebige Gruppe kriminalisieren. Je unauffälliger sie ist, desto „verdächtiger“ wird sie gemacht. Das ist paranoider Verfolgungswahn auf journalistischem Niveau.
Ein Armutszeugnis für die Freiheit
Anstatt die Freiheit zu feiern, dass der Staat eben nicht Schiedsrichter über „richtigen“ und „falschen“ Glauben ist, sehnt sich der Autor nach einer inquisitorischen Behörde, die den spirituellen Giftschrank abschließt. Wer nach Verboten ruft, zeigt nur, dass er keine Argumente hat. Wenn er argumente hat wie im Artikel angedeutet, fehlt ein Sektenbezug oder eine nachprüfbare Rückführung auf die betroffene Gemeinschaft. Diese Form des Sektengoogelns hatten wir bereits bei der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien beanstandet. Wissenschaftlich geht nämlich anders!
Sein Text hingegen ist kein Beitrag zur Aufklärung, sondern ein Pamphlet der Intoleranz, das die Axt an die Religions- und Versammlungsfreiheit legt. Wer Freiheit fordert, muss auch die Freiheit zur (vermeintlichen) Irrationalität aushalten – alles andere ist der Weg in den Gesinnungsstaat.
Informationen? Wenige und falsche!
Fragt man den Artikel nun konsequent nach konkreten Infos ab, stellt man fest, dass das versprochene "Und heute? Alles Schnee von gestern? Von wegen..." die größte Lüge des Artikels ist. Seinen Aussagen folgend war der angesprochene Thierry Chiquet 17, als er Scientology verlies - freiwillig oder unfreiwillig spielt hier erst einmal keine Rolle. Folgt man dem Beobachter (Achtung! Bezahlschranke! Aber über Insta kommt man hier zum vollen Artikel) auf Instagram, erfahren wir, er ist heute 35. Stamm berichtet also über Vorgänge, die stramme 18 Jahre her sind, also die Hälfte des Lebens des Opfers. Also doch "Schnee von gestern"? Offenkundig.
Ernährungsmängel, die in einer Schule auffallen - wenn der Artikel, der selbstverständlich nur den Aussteiger zitiert und damit die notwendige Methodik von Eileen Barker ignoriert, wahr ist - sprechen weder für eine Sekte noch für ein Systemversagen. Erstens sind Ernährungsmängel immer dem Kindeswohl und damit dem Erziehungsberechtigten zuzurechnen. Zweitens wird ein Sektenbezug nicht behauptet und drittens - bei allen Vorwürfen gegen Scientology - ist hier auf keine Referenz zu finden, die ähnliches systematisch auf die Scientology Kirche zurückführen lässt (Wikipedia, Abschlussbericht Scientology, Rezension "Kindheit bei Scientology: Verboten" von Sekteninfo NRW). Letztlich ist doch im folgenden Zitat:
Von Anfang an wird deutlich, dass Edwins Eltern der Organisation freiwillig beitraten und das ihnen der Gehorsam gegenüber der Organisation wichtiger ist, als das Wohl des kleinen Edwins.
Dass es diesen Edwin nicht gibt, dass es also nur eine bewertende Beschreibung ist, wird genannt. Aber, und das ist doch das Thema: Dann liegt eben "nur" ein elterliches Versagen vor.
Aber wen kümmern solche Details? Denn: Man lebt dort unter menschenunwürdigen Zuständen.
Sie wurden in kahlen Zimmern mit Kajütenbetten für sechs bis neun Personen untergebracht. Für 20 Personen gab es ein Badezimmer. Unter diesen unwürdigen Umständen lebten sie fünf Jahre lang. Sie hatten täglich vier Stunden Schulunterricht und mussten für das Zentrum arbeiten.
Internate, Bundeswehr-Stuben, Bereitschaftsräume bei Feuerwehr, Studentenheime oder gar Schlafsäle in Jugendherbergen und günstigen Hotels: Alles menschenunwürdig?
Immerhin schafft es der Autor, die Menschenwürde, wenn auch verdreht, als weiteres Schlagwort, unterzubringen, was in einem Artikel ohne Substanz (und offenbar nur vom Beobachter abgekupfert, was ich aus dem fehlen weiterer Quellen oder Direktzitate schließen muss).
Auch der Vorwurf "Vergleich mit der Jugendverfolgung" fällt in sich zusammen. Denn der Vergleich ergibt sich eben aus Karikaturen von 1991 und 1934 in verschiedenen Presseorganen, die sich in zentraler Aussage und Gestaltung eben ähneln. Schuld muss daran natürlich die böse "Sekte" sein.
Der Beobachter macht es besser und professioneller
Der Ursprungsartikel befragt journalistisch richtig mehrfacht die Mutter und hinterfragt sogar die Authentizität der Aussagen des Betroffenen. Mit der ist es nicht immer zum Besten bestellt:

"Thierry habe seiner Mutter damals geschrieben, es gehe ihm gut, er habe einen Job. Thierry bestätigt das."
Aber auch die Umstände der "Vernachlässigung" werden besser zitiert: Der Beobachter schreibt, es gab ein Verfahren, und zitiert hier Quelle (die Aussteiger):
«Weil in der Schule auffiel, dass mein Bruder und ich schlecht ernährt waren, sollten wir fremdplatziert werden», erzählt Thierry Chiquet. Da sei er etwa zehn gewesen. Die Mutter wehrte sich erfolgreich, die Kinder blieben bei ihr.
Ein Verfahren ohne Fremdplatzierung heisst also: Keine Gefahr für das Kindeswohl erkennbar. Das wird leider zu wenig hervorgehoben, stattdessen der Vorwurf "stehengelassen". Gerade Ernährungsdefizite sind aber über Blutuntersuchungen (Vitaminmangel?) identifizierbar. Fakten hierzu gibt es keine. Die Akten eingesehen scheint auch niemand zu haben. Doch ich will das nicht zu sehr kritisieren, da der Beobachter - anders als Stamm - andere Meinungen einholt und umfangreich Quellen zitiert - etwas, das leider zu selten in "Sektennachrichten" so nachprüfbar gehandhabt wird.
Gut ist auch, dass das direkte Interview von Thierry auf YouTube verlinkt wird:
Von solchen Aussagen will der "Sektenblog" nichts wissen. Und das ist genau das Problem, das wir schon an der Bundesstelle für Sektenfragen kritisiert hatten: Einer schreibt (unvollständig oder falsch) ab, und diese "Wahrheit" wird dann ungeprüft in "Anti-Sekten-Kreisen" verbreitet.
Ist Scientology eine Sekte?
Das kann man nach diesem schwachen Artikel des "Sektenblogs" nicht beurteilen. Ich lasse da lieber "Frau Scientologin" auf TikTok zu Wort kommen, um der einen Aussteigerstimme, die Stamm zitiert, eine interne Stimme entgegenzusetzen.
@frau.scientologin Sind wir eine? Also laut Wörterbuch nein 😜 #scientology #scientologyerklärt #frauscientologin #scientologytok
♬ Originalton - Frau Scientologin
Fazit:
Obwohl das Sommerloch noch gar nicht eingetreten ist, wurde es hier schon gefüllt, mit Informationen vom Hörensagen, die zudem 18 Jahre alt sind oder auch 35 Jahre bis hin zu 92 Jahre. Mehr gibt es hierzu nicht zu sagen. Außer: Wenn man berichtet, dann zumindest mit umfangreichen Informationen. Da könnte der Sekten(Abschreib)blog von seiner Kopiervorlage Beobachter noch einiges lernen. Die wenigen prüfbaren Fakten scheinen jedenfalls nicht aufgeklärt, so dass es wieder nur um die Glaubwürdigkeit der Aussteiger geht. Als Jurist würde ich mit einem deutlichen "non liquet" antworten. Und damit wird aus einem Sekten-Bericht einer über familiäre Dramen, wie sie auf dieser Welt mit oder ohne religiöse Hintergründe oft genug vorkommen.
Quellen
Watson Beobachter Beobachter Instagram YouTube
Mehr zu Scientology hier auf FOREF.