Jerusalem, März 2026 – Was sich am vergangenen Palmsonntag vor den Toren der Grabeskirche abgespielt hat, ist mehr als nur ein diplomatischer „Eklat“ oder ein organisatorisches Missgeschick. Dass die israelische Polizei dem Lateinischen Patriarchen, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, und dem Kustos des Heiligen Landes, Pater Francesco Ielpo, den Zutritt zu ihrem eigenen Gotteshaus verweigert hat, ist ein beispielloser Angriff auf die Religionsfreiheit. Gerade die jüdischen Behörden müssten erkennen, dass ein solcher Eingriff unnötig und unzulässig ist. Letztlich wird hier jahrhundertealtes europäisches Verhalten dem Judentum gegenüber nachgebildet, das überwunden erschien.
Aus menschenrechtlicher Sicht ist dieser Vorfall ein Alarmsignal. Wir erleben hier eine gefährliche Verschiebung: Unter dem pauschalen Banner der „öffentlichen Sicherheit“ und im Kontext des eskalierenden Regionalkonflikts werden fundamentale Freiheiten nicht nur eingeschränkt, sondern faktisch ausgesetzt - und das zum höchsten Fest, das der römisch-katholische Glauben bietet, am historischen Originalort.
Das Recht auf Religionsausübung ist nicht verhandelbar
Die Religionsfreiheit ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fest verankert. Sie beinhaltet das Recht, den Glauben allein oder in Gemeinschaft, öffentlich oder privat, durch Gottesdienst und Riten zu bekennen und auszuüben. Wenn die ranghöchsten Vertreter einer Glaubensgemeinschaft – die zudem betont hatten, privat und ohne jede Prozession unterwegs zu sein – physisch daran gehindert werden, einen der wichtigsten Gottesdienste des Jahres an ihrem heiligsten und historischen Ort zu feiern, ist die Grenze zur Willkür überschritten.
Die Begründung der Behörden, es handle sich um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Geistlichen selbst oder zur Vermeidung von Menschenansammlungen, greift hier ins Leere. Es wirkt vielmehr wie ein Vorwand, um die Präsenz religiöser Minderheiten im öffentlichen Raum zu minimieren und die Kontrolle über das historische Herz Jerusalems zu zementieren.
Ein gefährlicher Präzedenzfall
Besonders besorgniserregend ist die Symbolik dieses Akts. Wenn selbst ein Kardinal und der oberste Wächter der heiligen Stätten per Polizeianweisung zur Umkehr gezwungen werden, welche Botschaft sendet das an die einfachen Gläubigen? Es signalisiert, dass kein Recht mehr sicher ist, sobald der Staat den Ausnahmezustand deklariert.
Jerusalem war schon immer ein Pulverfass, weil die Religionen es hierzu gemacht haben. Aber der Schutz der heiligen Stätten und der Zugang zu ihnen (der „Status Quo“) war über Jahrhunderte ein mühsam gewahrtes Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht wird nun einseitig aufgekündigt und ein geistiger Aufbruch in die Zeiten der Kreuzzüge vorbereitet. Wer heute den Zugang zur Grabeskirche blockiert, ebnet den Weg für die Kriminalisierung religiöser Identität morgen. Gerade aus jüdischer Sicht ist das schwerlich nachvollziehbar.
Die Welt darf nicht schweigen
Es ist ermutigend zu sehen, dass Regierungen in Europa – allen voran Italien – den israelischen Botschafter einbestellen. Doch diplomatischer Protest allein reicht nicht aus. Wir fordern eine unabhängige Beobachtung des Zugangs zu diesen heiligen Stätten während der gesamten Karwoche und grundsätzlich zu allen heiligen Stätten aller Religionen jederzeit, soweit hierdurch keine konkrete Gefahr für Menschen entsteht.
Sicherheit darf niemals als Deckmantel für Repression dienen. Wenn Menschen an der Ausübung ihres Glaubens gehindert werden, ist das kein technisches Sicherheitsproblem, sondern eine Menschenrechtsverletzung. Jerusalem muss ein Ort bleiben, an dem das Gebet stärker ist als die Absperrung der Polizei.
Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft: Schauen Sie nicht weg. Die Freiheit in Jerusalem ist der Gradmesser für die Freiheit weltweit. Denn: Jerusalem ist überall.
Insoweit möchte ich mit einem Filmzitat aus dem Hollywood-Blockbuster "Kingdom of Heaven" enden:
"What is Jerusalem worth?"
Nothing. Everything."