Replik zum Artikel „Tetsuya Yamagami, ein japanischer Michael Kohlhaas
Ausriss: Der folgende Text ist ein Plädoyer für die Religionsfreiheit und die individuelle Verantwortung. Er verurteilt jede Form von journalistischer Gewaltrelativierung und betont, dass private finanzielle Entscheidungen – egal wie schmerzhaft für die Erben – niemals Gewalt legitimieren. (English Abstract here)
Darf man töten, wenn man denkt Gutes zu tun?
Darf man einfach so töten, egal wen, weil man unzufrieden ist? Die Antwort hierauf sollte recht einfach sein: Nein, natürlich nicht. Und trotzdem rechtfertig Ach Gut und Wolfgang Zoubek den Mord an Shinzo Abe durch Tetsuya Yamagami damit, dass diesem die „Zukunft“ gestohlen worden sei.
“Du sollst nicht töten”
Was war passiert?
Die Mutter des Mörders soll große Summen des Familienvermögens verbraucht haben. Vieles oder alles soll in Spenden an die Vereinigungskirche geflossen sein. Doch um das Problem der Handlungs- und Religionsfreiheit zu umgehen, wird diese konsequent und unter Ignorierung der Empfehlung der Enquete-Kommission als „Moon-Sekte“ bezeichnet.
Mord an Shinzo Abe
Der Mörder eines Unschuldigen, da nicht zur Gemeinschaft gehörenden, sei eine Tat, die dem Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle vergleichbar sei. In der Novelle mordet Kohlhaas auch, und nimmt eben nicht nur Rache an denen, die ihm etwas angetan haben, sondern auch an unschuldigen Burgbewohnern.
Doch das Problem ist: Zoubek zieht einen Vergleich, der weder rechtlich noch redlich nachvollziehbar bleibt. Seine Ausdrucksweise ist erfüllt vom Versuch, in wenigen Sätzen so oft den Begriff „Sekte“ einzubauen, dass selbst SEO-Experten hier ein Übermaß an Religionsfreiheitsfeindlichkeit erkennen müssen (zu Sekte als Kampfbegriff lesen Sie hier mehr).
Ist Mord legitimes Ziel?
Argumentativ kommt Zoubek zu dem Ergebnis, dass Yamagami keine andere Wahl blieb, als zum Mörder zu werden, da friedlicher Protest zu keiner Änderung geführt habe. Eine Erklärung, warum der Mord dann an einem unschuldigen Dritten – wenn man „Schuld“ alleine in der Religionszugehörigkeit sehen möchte – vollzogen werden muss, ist nicht ausgeführt. Heiligt der Effekt also alle Mittel?
Hatte der Mord Yamagamis an Shinzo Abe “Erfolg”?
Weil sein Mord aber dazu geführt habe, dass Gesetze erlassen wurden, die Mitgliedern von Gemeinschaften als auch deren Kindern Schutz vor finanzieller Ausbeutung gewähren sollten, sei Erfolg vorhanden und der Mord gerechtfertigt. Denn die Vereinigungskirche, die er immer und immer wieder herablassend „Moon-Sekte“ bezeichnet, habe die Methode gehabt, Menschen in Abhängigkeit zu bringen und finanziell zu ruinieren. Der Artikel spricht von „Gehirn-Wäsche“. Beispiele, Begründungen oder wissenschaftlich transparente Belege fehlen, wie es dem Sekten-Narrativ immanent ist.
Bestehen Zusammenhänge zur Vereinigungskirche?
Doch wie sind die Zusammenhänge wirklich? Die Mutter des Mörders soll einen mittleren sechsstelligen Dollarbetrag gespendet haben an ihre Glaubensgemeinschaft. Eine Auseinandersetzung, warum mit dieser Spende etwas illegitimes, amoralisches erfolgt sein soll, findet sich im Artikel nicht. Dass es Rückerstattungen gab - und Yamagami damit zufrieden war - wird kaum diskutiert, weil nicht ins Narrativ passend.
Kein Recht auf Erbschaft
Im deutschen Recht ergeben sich viele (für Anwälte lukrative) Streitigkeiten darüber, dass Menschen um ein Erbe besorgt sind, dass die viel jüngere neue Ehefrau des Patriarchen alles erbt oder gar zeitlebens alles verbraucht wird.
Kinder müssen sich selbst beweisen
Während die Steuerdiskussionen immer häufiger auch die Belastung von Eigentum in der Erbschaft vorsehen, und mancher meint, dass Familienunternehmen gerade wegen des deutschen Erbschaftssteuerrechts einen schweren Stand haben, entscheiden sich viele Prominente und Reiche dazu, ihr Vermögen nicht weiterzugeben (DM-Gründer Werner, “Meine Kinder müssen sich selbst beweisen”, Manager Magazin 15.08.2010; Bill Gates vererbt auch „nur“ 1% an seine Kinder, Bildzeitung vom 10.04.2025). Die steuersparenden Stiftungslösungen haben aber nicht nur bei der Witwe von Nikki Lauda oder bei den Aldi-Stiftungen der Albrecht-Brüder immer wieder zu Streit geführt. Allen ist eines immanent: Die Erblasser verfügten über ihr Vermögen zu Lebzeiten so, dass es im Kern erhalten blieb, was nicht immer im Interesse der Erben ist.
Gewalt als Mittel im Kampf gegen Vereinigungskirche und Religionsfreiheit?
Wenn aber argumentiert wird, dass Yamagami das Recht habe, deswegen Wut anzustauen und dass durch die rechtlich zulässigen Verfügungen der Mutter seine Zukunft zerstört sei (im übrigen bekennt sich der Autor nicht zur Gewaltlosigkeit, sondern relativiert mit „mag keine Rechtfertigung“ sein, statt diesen Fakt deutlich als „ist“-Zustand deutlich zu machen.), dann werden Grenzen überschritten. Soll nun jede „berechtigte Wut“ (wer entscheidet denn, moralisch-ethisch, wann diese Wut gerechtfertigt sei?) zu Gewalt führen? Gewalt ist keine Lösung, keine Rechtfertigung, kein Argument. Dieser Artikel von Ach-Gut ist es leider auch nicht, außer eben eine Aneinanderreihung von Keywords.
“Gibt es berechtigte Wut, die Anlass für rechtswidrige Handlungen bis zum Mord an Unschuldigen sein kann?”
Keine Pflicht zu vererben
Erblasser müssen nichts hinterlassen. Ich selber empfinde es ohnehin als sinnvoller, Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen als Häuser zu hinterlassen, die keinen Menschen satt machen. Zwar ist Eigentum und das Erbrecht in Art. 14 des GG gewährleistet. Doch, man lese und staune: Der Gebrauch des Eigentums soll auch dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
“Der Gebrauch des Eigentums soll auch dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Altruismus wird vom Grundgesetz also vorgegeben!” (Michael Langhans, FOREF Deutschland)
Und was entspricht mehr dem Wohl der Allgemeinheit als altruistische Handlungen?
Altruismus ist im Grundgesetz kodifiziert
Der Verfassungsgeber hat diesen Altruismus kodifziert, und damit relativiert der Autor bewusst oder unbewusst Gewalt gegen die Verfassung durch Verfassungsfeinde. Und an dieser Stelle spreche ich noch nicht einmal von der Religionsfreiheit.
Die Mutter Yamagamis muss sich nicht rechtfertigen
Wenn aber Yamagami für sein eigenes Versagen offensichtlich Dritte verantwortlich macht, kann das Gewalt rechtfertigen? Dabei bedient sich der Autor des Artikels eines Kunstgriffes und dreht die Beweislast um: Muss jemand einen triftigen Grund angeben, um über sein Eigentum zu verfügen? Was wäre gewesen, wenn die Mutter Yamagamis das Geld in Doge-Coins oder Wirecard-Aktien investiert hätte (oder in Biontech, um ein anderes Ergebnis vorwegzunehmen). Was, wenn sie ihr Vermögen verspielt, versoffen, mit Callboys durchgebracht hätte? Wer wäre dann zur Rechenschaft zu ziehen?
Gesellschaftliche oder gesundheitliche Probleme statt Sektenbashing
Und steht diese rhetorische Frage, warum man Geld spenden soll an eine „Sekte“, der Allgemeinheit zu? Mit Verlaub: Ich entscheide, was ich mit meinem Geld mache, nicht Yamagami, nicht Zoubek. Es ist bedauerlich, so lese ich den Artikel, dass sich die Mutter nicht um ihre Kinder gekümmert hat. Doch dann liegt darin doch eher ein gesellschaftliches Problem, kein religiöses. Das haben wir in Deutschland ebenfalls in vielen Fällen: Menschen isolieren sich von der Gesellschaft, gehen ihren eigenen Weg und ignorieren Bedürfnisse der Kinder. Das ist dann manchmal ein Fall für das Jugendamt, und wenn es nicht tätig wird, ist es ein Fall, dies zu kritisieren. Aber Rechtfertigung für Mord?
Wenn ein Großvater zwar gegen die Spenden ist, gleichzeitig aber nichts daran ändert, dass seine Tochter später verfügen kann und sogar seine Tochter als Alleinerbin bestehen lässt, liegen hierin gerade keine verwerflichen Aspekte einer Religionsgemeinschaft, sondern private Handlungen von Menschen im Rahmen ihrer Persönlichkeit und Handlungsfreiheit.
Wenn recht häufig im Umfeld Suizid und Suiziddrohungen erkennbar sein sollten, so der Artikel, liegen dann nicht eher psychische, genetische Probleme vor im ohnehin von Suiziden geplagten Japan?
Wo geht es um die Vereinigungskirche in Zoubeks Artikel?
Was hat also dieser Artikel mit der Vereinigungskirche zu tun? Der Name erscheint einmal, die Beleidigung „Sekte“ 65x (siehe hier mein Artikel zum Sekten-Begriff).
Wie viele vergleichbare Artikel basiert dieser auch auf einem altbekannten Sekten-Narrativ, wie immer ohne dies auszuführen oder zu begründen.
Leitzeilen wie „eine ominöse Sekte gab den Anstoß“ stehen bereits im Widerspruch zum eigentlichen Artikel, in dem die Zerrissenheit des Betroffenen, psychische Probleme der Familie und die Verzweiflung über das Verhalten der Mutter im Vordergrund stehen (sollten). Stichworte wie Schuldgefühle einreden, Spenden animieren, Gehirnwäsche reichen nicht aus, um dogmatisch den Sektenbegriff auch nur ansatzweise mit Leben zu erfüllen. Auch das Grundgesetz redet uns „Schuldgefühle“ ein, wenn es „Schranken-Schranken“ zulässt, also Begrenzung der Freiheit des Einzelnen durch die Rechte des anderen. Selbst die Zehn Gebote beinhalten ein Mordverbot.
Wer zerstörte die Zukunft von Yamagami?
Der Gedankenfehler im Artikel ist, vor allem zu behaupten, dass die Zukunft eines Kindes durch Verhalten der Eltern, mit ihrem eigenen Geld umzugehen, zerstört wird. Ich war während ihres Lebens auf diesem Planeten immer froh, wenn meine Eltern ihre letzten Jahre mit kleinem Luxus, also dem regelmäßigen Besuch im Café, verbracht haben. Hätten sie für mich sparen sollen?
Keine moralischen Werte übergeben
Aufgabe von Eltern sollte es sein, ihren Kindern moralisch-ethische Werte (wieder) an die Hand zu geben. Hier mag die Mutter von Yamagami versagt haben, ihr Glaube war insoweit nicht in der Lage die (subjektiv empfundene) Situation von Yamagami zu ändern. Doch dass dieser dann meint, Herr über Leben und Tod von beliebigen Dritten sein zu können, die ihm nichts getan haben, dann fehlt mir jegliches Verständnis für einen solchen volksverhetzenden Artikel. Da bin ich insbesondere von den scharfzüngigen und bisweilen -zündelnden Artikeln von Henryk M. Broder oder die tiefgreifenden und meinungsverteidigenden Analysen von Joachim Nikolaus Steinhöfel ein anderes Niveau gewohnt.
Keine Pflicht für Kinder zu sparen
Dass jedenfalls Eltern die Pflicht haben, Geld zu sparen und in die Zukunft ihre eigenen Kinder zu investieren, über eine Ausbildung hinaus, scheint nicht deutsches Gesetzesrecht zu sein und darf daher getrost bezweifelt werden.
Man hätte sich gewünscht, dass die Familie des Mörders in ihrem Glauben Frieden findet. Wenn die Zitate auf Wikipedia stimmen sollten, dass „die Lehre der Vereinigungskirche besagt, dass die gesamte menschliche Geschichte seit dem Sündenfall ein andauernder Kampf zwischen den Kräften von Gott und Satan ist, um die ursprünglichen Sünde zu bereinigen und die ursprüngliche Liebe wiederherzustellen. Dieser Prozess ist die treibende Kraft der menschlichen Geschichte, die eine Geschichte der Wiederherstellung und Wiedergutmachung ist.“, dann hätte hierin Yamagami seine Aufgabe und seinen inneren Frieden finden können. Er entschied sich aber, seinen eigenen Weg zu bestreiten und statt Wiedergutmachung Unrecht auszuüben. Für diese zutiefst falsche Entscheidung den Glauben der Mutter verantwortlich zu machen, ist falsch.

Michael Langhans, Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist
Abstract
The article provides a critical analysis of a contribution by Wolfgang Zoubek on the portal AchGut, which discusses the assassination of former Japanese Prime Minister Shinzo Abe by Tetsuya Yamagami. The author, Michael Langhans, accuses Zoubek of relativizing the murder and promoting a questionable narrative at the expense of religious freedom.
1. Critique of Justifying Murder
The text rejects the argument that the assassination of Abe was a “justified” response to the perpetrator’s “stolen future.” Zoubek’s comparison of the murderer to the literary figure Michael Kohlhaas is dismissed as legally and morally untenable, as violence must never be a legitimate means of protest.
2. Property and Inheritance Law
A central point of the article is the refutation of any entitlement to an inheritance:
- Freedom of Disposition: Parents have the right to use their assets during their lifetime as they see fit (donating, gambling, or consuming them). There is no legal obligation to leave an inheritance to children.
- Altruism in the Constitution: The author refers to Article 14 of the German Basic Law (GG), which states that property should serve the public good. Donations to a religious community are viewed here as an expression of private freedom of action and altruism.
3. Questioning the “Cult Narrative”
The article criticizes the inflammatory and derogatory use of the term “Moon cult” (Moon-Sekte) for the Unification Church.
- The original contribution is accused of failing to provide scientific evidence for allegations such as “brainwashing.”
- The Yamagami family’s issues are categorized as social or psychological failures within the family rather than being solely attributed to the mother’s religious affiliation.
4. Personal Responsibility of the Perpetrator
Finally, the text emphasizes that Yamagami held third parties responsible for his own failures. Attempting to blame the mother’s faith community for the act is seen as a reversal of the burden of proof. The murder of an uninvolved third party (Abe) remains an act of injustice that cannot be justified by any circumstances.
Conclusion: The text is a plea for religious freedom and individual responsibility. It condemns any form of journalistic relativization of violence and emphasizes that private financial decisions—no matter how painful for heirs—never legitimize violence.
Quellen:
Artikel auf AchGut
Webseite Vereinigungskirche Deutschland
FOREF Webseite