Massimo Introvigne ist unbestrittener Experte für neue Religiöse Bewegungen. Seine CESNUR ist hoch anerkannt, sein Bitterwinter relevant für Fragen der Verletzung der Religionsfreiheit. Und: Er ist ein Experte auch für die Frage der Gehirnwäsche und hat hierzu veröffentlicht.
In einem seiner vielen Artikel bin ich auf die folgenden Aussagen gestoßen zu den Auswirkungen von De-Programming, also dem "Rückgängigmachen" des ohnehin nicht wissenschaftlich fundierten und falschen Konzepts des Brainwashings, das Eileen Barker bereits vor vielen Jahren aufgelöst hat, die dringend ins Deutsche übersetzt und rechtlich eingeordnet werden müssen.
Denn: Deprogrammierung ist per se gefährdend und in den fiskalischen Auswirkungen oft genauso verheerend, wie eine Mitgliedschaft in einer "Sekte":
"Rick Ross, ein langjähriger Konkurrent von Hassan im Bereich der Deprogrammierung und „Aussteiger-Beratung“, veröffentlichte 2017 auf seiner Website „Cult News“ einen Artikel, in dem er über eine schwerwiegende Beschwerde eines ehemaligen Klienten von Hassan berichtete. Laut Ross behauptete der Klient, Hassan habe Tausende von Dollar verlangt, die Ersparnisse des Klienten aufgebraucht und eine Beratung angeboten, die „lähmend und schädlich“ gewesen sei. Der Klient erklärte: „Ich fühlte mich sowohl während als auch nach meiner Therapie bei [Steven Hassan] traumatisiert.“
Andere Fachleute beschrieben Hassans Beratung Berichten zufolge als „sowohl unprofessionell als auch potenziell gefährlich“. Ross merkte außerdem an, dass gegen Hassan eine Beschwerde beim Massachusetts Board of Registration of Allied Mental Health Professionals wegen Verletzung der Mandantenvertraulichkeit eingereicht worden war. Die Beschwerde wurde ohne Präjudiz abgewiesen, doch der Ausschuss erinnerte Hassan an die Regeln für zugelassene Psychotherapeuten.
Am 15. Februar 2026 beklagte Ross weiterhin, dass Hassans hohe Honorare „den Eindruck erweckt haben, dass Deprogrammierung nur etwas für Reiche ist. Ross hingegen ist eher der Deprogrammierer für den einfachen Mann.“ Ross erklärte gegenüber „The Telegraph“, dass er und Hassan „oft um dieselben Fälle konkurrieren“. Ein Klient im Jahr 2023 „ging zum Beispiel zuerst zu Hassan“, weil „er die Ausbildung hatte“, fand ihn dann aber „zu wenig mitfühlend und zu geldgierig“."
Das BITE-Modell und die Kritik hieran
Doch die Kritik am ehemaligen Vereinigungskirchen-Mitglied Steven Hassan geht tiefer:
Mann äußerte Zweifel daran, dass Hassan ein „Experte für Sekten“ sei, ja überhaupt „ein Experte für irgendetwas“. Sie warf Hassan vor, Ideen ohne ordnungsgemäße Quellenangabe zu übernehmen. Sie merkte an, dass einige seiner Konzepte offenbar aus der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) stammten, einer Gruppe, die andere Sektenkritiker als „Sekte“ bezeichnet haben: „Hassan erwähnt NLP mit keinem Wort, greift aber dennoch in erheblichem Maße darauf zurück.“ Allgemeiner formuliert schrieb sie, dass „keine ausreichende Unterscheidung getroffen wird zwischen dem, was tatsächlich Hassans angebliche Ideen sind, und den Ideen, die er von anderen kopiert hat, ohne diese ordnungsgemäß zu zitieren“. Sie stellte fest, dass Hassan als Nicht-Akademiker „offensichtlich nicht an einen akademischen Ehrenkodex gebunden ist“. Dennoch habe „das Übernehmen von Ideen anderer ohne Quellenangabe häufig zum Ausschluss von Studierenden aus Graduiertenprogrammen geführt. Keine seriöse akademische Fachzeitschrift würde solche Auslassungen akzeptieren oder dulden.“
Mann äußerte sich ebenso kritisch über Hassans BITE-Modell und schrieb: „Ein Großteil des BITE-Modells besteht aus Material, das aus einer 30-jährigen Tradition sozialpsychologischer Forschung entlehnt wurde … Das BITE-Modell, das er nun vorschlägt, ist so weit gefasst, dass es auf eine Vielzahl von Gruppen angewendet werden könnte … Das BITE-Modell, wie es derzeit von Hassan angewendet wird, ist zu einer Art philosophischem Konstrukt geworden, das nicht auf Fakten, sondern vielmehr auf Theorien basiert, von denen viele von anderen entlehnt wurden.“
Mit anderen Worten: Es fehlen zu den Theorien allgemeiner Art konkrete Feldstudien zur Validität.
Vom Regen in die Traufe?
Selbst wenn man also annehmen möchte, dass jemand in einem Sekten-Narrativ gehirngewaschen wurde, stellt sich doch die Frage ob man es nach dem Ausstieg "besser" hat. Denn die Kultur um Aussteigerberater ähnelt in ihrer Verbissenheit dem, was man bisweilen "Sekten" vorwirft: Andere Meinungen werden nicht akzeptiert. Und dass man dann angebliche Gehirnwäsche und Manipulation einfach so "rückgängig" macht (wohin eigentlich, auf welchen Zeitpunkt?) ist bereits absurd, für verzweifelte Menschen aber eine Hoffnung dass alles besser wird. Und dann ist es wie im Rechtsstreit: Man gibt sein letztes Geld samt Hemd und Hose, weil man alle Hoffnung hierauf setzt.
Das Ergebnis: Zweifelhaft bis schädlich, wenn man die obigen Aussagen zur Kenntnis nimmt.
Ist das nicht genau das Verhalten, das "Sekten" oder neuen religiösen Gemeinschaften oft vorgeworfen wird? Ist es besser, statt das Geld in eine bessere Welt über die eigene Glaubensgemeinschaft zu stecken, das Geld in Juristen oder Anti-Sektenexperten zu stecken?
Hat eigentlich schonmal sich jemand die Mühe gemacht, Sektenkriterien auf Sektenberatungsstellen oder Aussteigerberater oder Deprogrammer anzuwenden?
Deprogramming ist schädlich
Wer je mit Menschen gesprochen hat, die gegen ihren Willen "De-programmed" wurden bzw. versucht wurde diese zu Deprogammieren (als ob Menschen Computer wären), der weiss, welchen Schaden dies anrichtet, unabhängig davon ob das wissenschaftliche Konzept funktioniert (wie eben nicht!).
Und dann sind wir wie im Familienrecht in der Abwägung des "Kindeswohls" oder "Sektenwohls". Nur dann, wenn sich die Situation nachher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verbessert, darf man etwas tun; das Danach muss besser werden. Was bei schädlichem, ungewissen und fiskalisch ruinierendem Vorgehen weder ethisch noch rechtlich auch nur angenommen werden darf.
Deprogrammierung ist schädlich und Gehirnwäsche funktioniert nicht.
Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.
Quellen
Bitterwinter, The Truth, Please, About Steven Hassan. 4. The “Cult” of “Hassanology”
Mehr zu Gehirnwäsche auch in der Literatur von Eileen Barker
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