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Interview mit Daniel Gerber vom Hilfswerk "Open Doors"
http://www.politik.ch/religionsfreiheit-und-christenverfolgung.html
Christen sind weltweit die am meisten verfolgte Religionsgruppe. Daniel Gerber vom christlichen Hilfswerk "Open Doors" gibt in einem Interview mit politik.ch Auskunft über den neuen Christenverfolgungs-Index.
Herr Gerber, Open Doors widmet sich immer wieder dem Problem der Christenverfolgung. Sie erstellen einen viel beachteten Index darüber. In welchen Staaten finden die schlimmsten Verfolgungen statt? Welches sind Ihre Quellen?
Unverändert hart ist die Unterdrückung in den letzten Jahren in
Nordkorea geblieben, im Iran, Irak, Saudi-Arabien, Ägypten und Somalia,
sowie in – wenn man von schlimmer Verfolgung spricht – etwa einem
Dutzend weiterer Länder. Deutlich gestiegen ist der Druck in den letzten
beiden Jahrzehnten gerade auch in Pakistan, mitunter durch das oft
missbrauchte Blasphemiegesetz und zahlreichen Morden durch den
fanatischen Mob.
Im laufenden Jahr sind die Repressionen namentlich in Algerien und
Marokko gestiegen. Nach einer Entspannung in Algerien verschärft sich
die Lage derzeit wieder, so stehen etwa nächste Woche zwei Christen vor
Gericht, weil sie während des Ramadans tagsüber gegessen haben, zudem
fordert eine Provinzregierung die Schliessung einer Kirche. Aus Marokko
wurden heuer rund 130 ausländische Christen ausgewiesen. Generell ist zu
sagen, dass wo Christen verfolgt werden, auch andere religiöse
Minderheiten leiden und es um die Menschenrechte nicht besonders gut
steht. Von Zeit zu Zeit gibt es glücklicherweise auch gute Nachrichten,
so hat sich die Lage in China leicht gebessert, auch wenn noch lange
nicht alles zum Besten steht.
Unsere Informationen beziehen wir durch ein dichtes Netz an Fachleuten
die in den Ländern leben, Anwälte, kirchliche Leiter und eigenen
Mitarbeitern welche mit den Betroffenen reden aber auch mit den
Behörden, Richtern und Funktionären. Daneben führen wir eigene
Recherchegespräche, im Fall von Marokko zum Beispiel mit Ausgewiesenen,
da auch Schweizer betroffen waren auch mit der Schweizer Botschaft und
weiteren Involvierten.
Wieso
sind kirchliche Kreise - insbesondere die Landeskirchen - so ruhig,
wenn es um die Christenverfolgung in islamischen Ländern geht?
Christen in Ländern, in denen Unterdrückung herrscht, stellen sich diese Frage auch. Für die Kopten in Ägypten oder die Christen im Irak ist es schwer zu verstehen, warum im christlichen Europa nicht entschieden dazu aufgerufen wird, dass in ihren Ländern ebenfalls Glaubensfreiheit herrscht. Die katholische Kirche ist etwas lauter geworden, auch weil es in manchen Ländern Katholiken sind, welche angegriffen werden, zum Beispiel in Pakistan. Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ leistet da wertvolle Informationsarbeit. Die Reformierten scheinen zuletzt vermehrt auf das Thema aufmerksam geworden zu sein, lange wurde das Thema wegdiskutiert und in manchen Fällen wurde der Christenheit die Schuld zugewiesen. Auch wird es teilweise als Gefahr für den interreligiösen Dialog angesehen, wenn solche Missstände angesprochen werden. Etwas pointiert gesagt: Gerne wird darauf hingewiesen, dass die Kreuzzüge vom christlichen Europa aus geführt wurden und dass man daher nicht in der Position sei, nun mit dem Finger auf andere zu zeigen. Den Menschen, die heute wegen ihres Glaubens in Notlage sind, hilft dies freilich wenig.
Was bedeutet für Sie Religionsfreiheit konkret?
Die Freiheit, selbst zu wählen, was man glauben will und dass man diesen
Glauben leben kann, sofern er nicht die Freiheit anderer einschränkt.
Zur Religionsfreiheit zählt beispielsweise die Versammlungsfreiheit oder
dass man ungehindert seine Religion wechseln darf.
Was halten Sie von der Meldung, dass die US-Army in Afghanistan kürzlich Bibeln einer kirchlichen Institution beschlagnahmte und vernichtete?
Ich gehe mit dem Kommentar unten in der Meldung einig, dass es widersinnig ist, die Intoleranz mit einer tödlichen Toleranz entkräften zu wollen. In der CNN-Meldung heisst es, dass die Bibeln in den beiden in Afghanistan gängigsten Sprachen gedruckt waren. Sollte dies der Fall gewesen sein, wäre es zwar tatsächlich nicht besonders klug gewesen, wenn sie plötzlich durch jemanden von der US- Armee verteilt worden wären – die Empfänger wären in tödliche Gefahr geraten und der Druck auf die US-Truppen wären natürlich gestiegen. Die Ausgaben aber zu verbrennen halte ich für ein schlechtes Signal. Einem Moslem kommt es kaum in den Sinn, das Buch, das für ihn heilig ist, zu verbrennen. Wenn „der Westen“ dies tut, schadet dies dem Image, da in Afghanistan die Religion sehr wichtig ist. Besser gewesen wäre, die Lieferung schlicht und einfach an den Empfänger zurückzusenden.
Herr Gerber, besten Dank für das Gespräch.
Weitere Informationen zu Open Doors, dem weltweiten Hilfswerk für verfolgte Christen, sind unter www.opendoors.ch sowie www.opendoors-de.org erhältlich. Daniel Gerber ist Informationsbeauftragter des christlichen Hilfswerks "Open Doors".
ruw.
Weltverfolgungsindex
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